Früher musste man eine Autobahnkarte lesen können. Man wusste, in welche Richtung man fuhr, hatte ein grobes Bild der Strecke im Kopf und konnte sich notfalls auch ohne Hilfe orientieren. Heute gibt man ein Ziel ins Navi ein und folgt der Stimme. Praktisch. Aber Hand aufs Herz: Wie viele von uns könnten die gefahrene Strecke noch aus dem Gedächtnis nachzeichnen? Die Fähigkeit, sich selbst zu orientieren, ist nicht verschwunden, weil sie unwichtig wurde, sondern weil ein Werkzeug sie übernommen hat.
Genau an diesem Punkt stehen wir gerade im SAP-Umfeld. Und die spannende Frage ist nicht ob sich etwas verändert, sondern welche Fähigkeit wir gerade dabei sind, an das Navi abzugeben.
Der Solution Architect, der immer danebensitzt
Aus dem Alltag eines SAP-Beraters sind ChatGPT, Gemini und Co. heute kaum noch wegzudenken. Es fühlt sich an, als hätte man permanent einen Solution Architect neben sich sitzen, den man jederzeit anstupsen kann. Probleme, für die man früher Foren durchforstet, Kollegen angeschrieben oder stundenlang dokumentiert hat, lassen sich heute in Minuten anreißen.
Die Betonung liegt auf anreißen. Denn die Qualität der Antwort hängt unmittelbar davon ab, wie gut man fragt. Ein präziser Prompt mit Kontext liefert ein brauchbares Ergebnis, ein schludriger liefert eine selbstbewusst formulierte Halbwahrheit. Und hier wird es interessant: Wer das Ergebnis bewertet, muss wissen, wovon er spricht. Als Senior Berater erkennt man in Sekunden, ob ein Vorschlag sinnvoll ist oder an der Realität des Systems vorbeigeht. Diese Verifikationskompetenz ist im Moment das, was den Unterschied macht.
Recherche: aus Stunden werden Minuten
Besonders deutlich zeigt sich der Effekt bei der Recherche, etwa beim Durchsuchen von SAP-Hinweisen und Dokumentation. Was früher ein zähes Wühlen durch Notes, Versionsstände und Foreneinträge war, erledigt KI heute als Vorfilter in einem Bruchteil der Zeit.
SAP selbst treibt das massiv voran. Mit Joule for Consultants gibt es inzwischen einen Copilot, der auf eine riesige, kuratierte SAP-Wissensbasis zugreift, inklusive nicht-öffentlicher Inhalte wie SAP Notes und Knowledge Base Articles. Anders als eine reine Suchmaschine antwortet er rollen- und kontextbezogen. Die Recherche, einst eine Kerndisziplin, wird zunehmend zur Self-Service-Funktion.
Ähnlich erging es einer anderen Daueraufgabe: dem Zusammenfassen von Meetings. Protokolle schreiben, Action Items festhalten, das Besprochene für Abwesende aufbereiten. Das war über Jahre eine der primären, zeitfressenden Tätigkeiten im Projektalltag. Heute übernimmt das die KI weitgehend: Mitschrift, Zusammenfassung und To-do-Liste entstehen quasi nebenbei, während man sich im Termin endlich wieder auf das Gespräch selbst konzentrieren kann.
Entwicklung: hier wird es richtig krass
Noch dramatischer ist die Lage in der Entwicklung. Die KI spuckt dir das Coding praktisch direkt aus, und das funktioniert sogar dann erstaunlich gut, wenn die Person, die die Anforderungen liefert, selbst gar nicht programmiert. Für einfache bis mittelschwere Reports bekommt man heute Ergebnisse, für die man früher einen Entwickler eingeplant und Tage veranschlagt hätte.
Auch das ist kein Zukunftsversprechen mehr, sondern Produkt: Joule for Developers ist auf SAP-eigenen ABAP-Code trainiert, erklärt bestehendes Coding, generiert Tests und ganze App-Logik aus natürlicher Sprache. Mit dem seit 2026 allgemein verfügbaren Joule Studio lassen sich darüber hinaus eigene KI-Agenten für konkrete Geschäftsprozesse bauen. Die Maschine schreibt nicht mehr nur Zeilen, sie übernimmt zunehmend Bausteine ganzer Abläufe.
Die unbequeme Frage: brauchen wir noch Junioren?
Wenn man das zu Ende denkt, stellt sich eine Frage, die viele lieber nicht laut aussprechen: Wenn die KI die Recherche und das Standard-Coding übernimmt, wofür braucht es dann noch den Einstieg ins Berufsleben? Es entsteht der Eindruck, man bräuchte nur noch Senioren, die die Ergebnisse prüfen können.
Und hier lohnt sich der Blick zurück aufs Navi. Das Navi hat das Kartenlesen ersetzt, aber niemand wird zum guten Autofahrer, indem er nur dem Navi folgt. Die Orientierungsfähigkeit der Senioren von heute ist genau auf den Karten von gestern entstanden. Wer nie selbst recherchieren, nie selbst debuggen, nie selbst die schmerzhaften Wege gehen musste, entwickelt das Bauchgefühl nicht, mit dem man später ein KI-Ergebnis als „falsch“ erkennt, ohne es genau begründen zu können.
Die Gefahr ist also nicht, dass wir keine Junioren mehr brauchen. Sie ist, dass wir die Stufe abschaffen, auf der die Verifikationskompetenz von morgen überhaupt erst wächst. Wenn niemand mehr die Karte lesen lernt, haben wir irgendwann eine ganze Generation, die nur noch der Stimme folgen kann.
Wie verändert sich die Zukunft von SAP?
Die ehrliche Antwort: Die Routinearbeit wandert in den Copilot. Konfiguration per Klick wird zu Konfiguration per Anweisung. Reports schreibt man, indem man sie beschreibt. Agenten überwachen Bestände, lösen Folgeprozesse aus, schlagen Buchungen vor. Das ist kein „vielleicht irgendwann“ mehr, das passiert über Joule, BTP und das wachsende Agenten-Ökosystem bereits jetzt.
Was bleibt, ist genau das, was das Navi uns nicht abnehmen kann: zu entscheiden, wohin die Reise überhaupt gehen soll. Den Geschäftsprozess wirklich verstehen. Wissen, warum ein Kunde etwas so und nicht anders macht. Erkennen, wann ein technisch sauberes Ergebnis fachlich Unsinn ist. Die Maschine optimiert die Route, aber das Ziel, den Kontext und die Verantwortung für das Ergebnis trägt weiterhin der Mensch.
Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung im SAP-Beruf: weg vom Wie baue ich das hin zum Sollte das so gebaut werden, und woran erkenne ich, ob das Ergebnis stimmt. Vom Handwerker zum Lotsen.
Die Karte verschwindet. Die Frage ist nur, welchen Kompass wir uns dabei bewahren, und ob wir ihn der nächsten Generation noch beibringen.