Der Ruf nach Cloud First hallt aktuell durch jede IT Abteilung. Als jemand, der seit über 14 Jahren im SAP Umfeld Projekte begleitet, beobachte ich diesen Trend mit einer gesunden Portion Skepsis. Wir sprechen viel über technologische Sprünge durch Joule, generative KI und glänzende Fiori Oberflächen. Doch während wir den Blick in die Wolken richten, übersehen wir oft eine fundamentale Gefahr, nämlich den Verlust dessen, was ein Unternehmen im Kern einzigartig macht.
Das Paradoxon der Standardisierung: Effizienz gegenüber Differenzierung
SAP propagiert den Fit to Standard Ansatz. Das Versprechen sind geringere Wartungskosten und schnellere Update Zyklen. Doch genau hier lauert die Falle für den Wettbewerbsvorteil. Der Standard macht alle gleich. Viele Weltmarktführer im deutschen Mittelstand oder in der Automotive Branche verdanken ihren Erfolg Prozessen, die eben gerade nicht dem Standard entsprechen. Das gilt etwa für eine hocheffiziente JIT Sequenzierung oder eine spezialisierte Bestandsführung in der Materialwirtschaft.
Die Frage an die Entscheider lautet daher: Sind wir bereit, die Flexibilität unserer Logistik für eine einfachere Systemwartung zu opfern? Ein Prozess, der sich zu 100 % in ein Cloud Korsett pressen lässt, ist selten der Prozess, der Ihnen den entscheidenden Marktvorteil verschafft. Gerade in komplexen Umgebungen wie bei Audi oder VW ist diese Tiefe entscheidend.
Wo sind die Handwerker im SAP Ökosystem geblieben?
Mit dem Hype um die Cloud hat sich auch das Profil des Beraters gewandelt. Wir sehen eine Schwemme an Cloud Navigatoren, die zwar die Playbooks auswendig kennen, aber den Kontakt zum Maschinenraum verloren haben.
Vom Customizing zum Klicken: Echtes SAP Handwerk bedeutet für mich, die Tiefe der Module MM, SD und LE so zu beherrschen, dass man Probleme an der Wurzel löst, statt sie mit Workarounds zu umgehen. In der realen Welt kommuniziert SAP mit komplexen Non SAP Systemen. Wer hier nicht weiß, wie man ein IDoc Monitoring aufsetzt oder eine fehlerhafte EDI Nachrichtensteuerung im Detail korrigiert, wird auch mit der besten KI keine stabile Lieferkette garantieren können.
Erfahrung lässt sich nicht automatisieren. Meine Projekterfahrung bei Global Playern wie der Volkswagen AG oder der Daimler AG hat mir gezeigt, dass die kritischen Fehler meist nicht in der Strategie Folie passieren, sondern im Detail des Feinkonzepts.
Mein Fazit: Hybridität als klügerer Weg?
Standardisierung ist dort wertvoll, wo Prozesse keine Differenzierung bieten. Aber in der Logistik, der Produktion und dem Supply Chain Management ist Individualität oft der Treibstoff des Erfolgs. S/4HANA sollte ein Werkzeug sein, das diese Individualität unterstützt, statt sie wegzubügeln. Wir brauchen wieder mehr Experten, die das System beherrschen, um das Business zu stärken, und nicht Berater, die dem Business erklären, warum es seinen Erfolgsprozess für die Cloud Kompatibilität aufgeben muss.