Welches SAP-Modul ist 2026 gefragt? Warum das für den Mittelstand die falsche Frage ist

„Welches SAP-Modul ist 2026 gefragt“ gehört zu den meistgesuchten SAP-Fragen überhaupt. Die Antworten, die Sie dazu im Netz finden, klingen erstaunlich einheitlich: FI/CO an der Spitze, dann MM und SD, dazu ABAP mit Fiori und irgendwo BTP. Das Problem ist nicht, dass diese Listen falsch sind. Das Problem ist, wer sie schreibt und wofür.

Fast jede dieser Ranglisten stammt von Personalvermittlern oder Weiterbildungsanbietern. Die einen leben von der Vermittlung, die anderen vom Bildungsgutschein. Beide haben ein berechtigtes Geschäft, aber beide beantworten eine Karrierefrage, nicht Ihre Investitionsfrage. Für einen mittelständischen Zulieferer, der vor der S/4HANA-Umstellung entscheiden muss, wo das knappe SAP-Budget hingeht, ist das die falsche Perspektive.

Wer diese Listen schreibt und was darin gemessen wird

Die Nachfrage-Ranglisten spiegeln den Arbeitsmarkt für Berater, nicht die Prozessrealität eines einzelnen Unternehmens. FI/CO steht dort fast immer oben, weil jedes Unternehmen eine Buchhaltung braucht und der Beratermarkt in diesem Bereich am größten ist. Das sagt viel über die Zahl der offenen Stellen aus und wenig darüber, woran Ihre konkrete Migration scheitert. Kommt hinzu: die kursierenden Prozentzahlen und Gehaltsspannen stammen überwiegend aus Vermittlungsstatistiken und Freelancer-Umfragen, nicht aus geprüften Erhebungen. Als grobe Richtung taugen sie, als Entscheidungsgrundlage nicht.

Was in den Zahlen wirklich belastbar ist

Ein paar Punkte sind über viele Quellen konsistent und deshalb nutzbar. Die Standard-Wartung für SAP ECC endet Ende 2027, der verlängerte Support gegen Aufpreis Ende 2030. Nach den vielzitierten Gartner-Zahlen hatten Ende 2024 erst rund 39 Prozent der weltweit etwa 35.000 ECC-Kunden auf S/4HANA umgestellt, im DACH-Raum hat der Großteil der Unternehmen die Migration noch vor sich. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet bis 2027 mit rund 728.000 fehlenden Fachkräften über alle IT-Felder. Das erklärt, warum SAP-Kompetenz teuer ist. Es erklärt nicht, welche Kompetenz für Ihr Werk die entscheidende ist.

Warum Modul-Nachfrage die falsche Achse ist

Für ein Industrie- oder Automotive-Unternehmen im Mittelstand liegt das Migrationsrisiko fast nie in der Finanzbuchhaltung. FI/CO ist gut dokumentiert, standardnah und wird von vielen beherrscht. Wo es in der Praxis kippt, ist die Logistikschicht, und genau die kommt in den Nachfrage-Listen kaum vor oder verschwindet unter dem Sammelbegriff „Logistik“. Konkret sind das die EDI- und VDA-Strecken zum OEM, die JIT- und JIS-Abrufe, die Chargenfindung, die Lieferungsabwicklung und das Behälter- und Handling-Unit-Management. Diese Themen tauchen in den Ranglisten selten auf, weil die Listen für den Massenmarkt der Karrieren geschrieben sind, und der größte Arbeitgeberpool sitzt in Finance, nicht in der VDA-Anbindung eines Tier-1-Zulieferers.

Was das für Ihre Entscheidung heißt

  1. Fragen Sie nicht nach dem Markt, fragen Sie nach Ihrem Ausfallrisiko. Die relevante Frage ist nicht, welches Modul die meisten Stellen hat, sondern an welcher Stelle ein Fehler die Auslieferung an den OEM stoppt. Dort gehört das Geld hin.
  2. Bewerten Sie Kompetenz am eigenen Prozess, nicht am Zertifikatsmarkt. Ein Berater mit zehn FI/CO-Zertifikaten hilft Ihnen wenig, wenn Ihr Engpass die Umstellung der VDA-4905-Strecke auf VDA 4984 ist. Die gefragtesten Skills auf dem Markt und die für Sie kritischen Skills sind zwei verschiedene Listen.
  3. Rechnen Sie mit steigenden Sätzen genau dort, wo es weh tut. Erfahrung mit echter ECC-zu-S/4HANA-Migration wird knapper, während die Nachfrage 2026 und 2027 ihren Höhepunkt erreicht. Das trifft die spezialisierten Logistik- und Schnittstellenprofile stärker als den generischen Modulberater. Wer Kapazität für die kritischen Strecken braucht, sichert sie früh.
  4. Trauen Sie keiner runden Prozentzahl ohne Quelle. Wenn eine Rangliste behauptet, ein Modul sei um 47 Prozent gefragter, fragen Sie nach der Erhebung. In den meisten Fällen ist es eine Vermittlungsstatistik mit Eigeninteresse, keine unabhängige Zahl.

Fazit

Die Frage nach dem gefragtesten Modul ist eine Frage für Bewerber, nicht für Entscheider. Wer im Mittelstand vor der Umstellung steht, sollte sein Budget nicht dort einsetzen, wo der Beratermarkt am heißesten ist, sondern dort, wo ein Ausfall den Versand an den Kunden anhält. Das ist bei einem Zulieferer fast immer die unglamouröse Logistik- und Schnittstellenschicht, nicht die Buchhaltung.