Zwischen Code und Klarheit: Eine Beobachtung der aktuellen SAP-Projektlandschaft

In der aktuellen Phase der digitalen Transformation stehen viele Unternehmen vor ähnlichen Herausforderungen. Der Druck, auf SAP S/4HANA zu migrieren, ist allgegenwärtig, und das Versprechen moderner Benutzeroberflächen wie SAP Fiori weckt hohe Erwartungen bei Anwendern und Management. Doch beobachtet man die Realität in vielen laufenden Projekten, zeigt sich oft eine Diskrepanz zwischen der technologischen Vision und dem operativen Alltag.

Es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten und zu analysieren, wo die eigentlichen Reibungspunkte liegen – denn oft sind es nicht die fehlenden Features, die Projekte ins Stocken bringen.

Das Fiori-Paradoxon: Wenn „hübsch“ nicht gleich „praktikabel“ ist

Ein häufig zu beobachtendes Phänomen ist die Ernüchterung nach der Einführung neuer Oberflächen. Die Erwartungshaltung ist klar: SAP soll sich bedienen lassen wie eine App auf dem Smartphone. Doch in der Praxis – sei es im Lager oder in der Buchhaltung – trifft Design-Thinking oft auf harte Prozessrealität.

Wenn Standard-Apps ohne tieferes Verständnis der tatsächlichen Arbeitsabläufe implementiert werden, führt dies nicht zu Effizienz, sondern zu Frustration bei den Key Usern. Die Beobachtung zeigt, dass Technologie hier oft als Allheilmittel für komplexe Prozesse missverstanden wird. Eine moderne Oberfläche kann einen ineffizienten Prozess nicht heilen; sie macht ihn im Zweifel nur hübscher, aber nicht schneller. Der Schmerzpunkt liegt hier selten in der Technik selbst, sondern in der mangelnden Übersetzung zwischen „Standard-Funktionalität“ und „User-Realität“.

Schweigen ist teurer als Entwicklung

Ein weiterer kritischer Faktor, der in vielen Projekten unterschätzt wird, ist die „Klarheit vor Code“-Maxime. In der Eile, Meilensteine zu erreichen, wird oft zu schnell in die technische Umsetzung gegangen. Es wird entwickelt, konfiguriert und getestet, bevor das eigentliche Problem vollständig durchdrungen ist.

Aus der Beobachterperspektive fällt auf: Die teuersten Fehler in SAP-Projekten entstehen fast nie durch schlechten Code, sondern durch das Schweigen an den entscheidenden Stellen. Wenn Anforderungen nicht radikal klar definiert sind oder Annahmen nicht hinterfragt werden, entstehen Lösungen, die zwar technisch funktionieren, aber am Business vorbeigehen. Die „Kosten“ dieses Schweigens zeigen sich oft erst kurz vor Go-Live, wenn Änderungen exponentiell teurer werden.

Der Weg zurück zum Standard – aber mit Augenmaß

Der Markttrend geht eindeutig zurück zum SAP-Standard („Keep the Core Clean“). Das ist wirtschaftlich und strategisch sinnvoll. Doch die Kunst liegt nicht darin, den Standard blind zu erzwingen, sondern zu erkennen, wo er dem Unternehmen dient und wo er angepasst werden muss, um Wettbewerbsvorteile nicht zu verlieren.

Unternehmen, die ihre Projekte erfolgreich ins Ziel bringen, scheinen eines gemeinsam zu haben: Sie setzen nicht auf reine „Abarbeiter“ von Tickets, sondern auf Partner, die den Mut haben, Anforderungen kritisch zu hinterfragen, bevor die erste Zeile Code geschrieben wird.

Fazit

Die Technologie ist heute mächtiger denn je. Doch der Erfolg von S/4HANA-Initiativen hängt weniger von der Software ab, als von der Qualität der Kommunikation und dem Verständnis für die Prozesse an der Basis. Wer als Unternehmen die Lücke zwischen strategischem Wunsch (Management) und operativer Notwendigkeit (Key User) schließen kann, wird langfristig profitieren. Es braucht weniger blinden Aktionismus und mehr Mut zur anfänglichen Klarheit.